Von meinem geliebten Corrientes zu den Schweizer Alpen


 

Corrientes (4) ist eine Provinz, mit gleichnamiger Hauptstadt, im Nordosten Argentiniens. Der Name Corrientes (span. Stromschnellen) kommt daher, dass das Ufer des Paraná an dieser Stelle an sieben Halbinseln Stromschnellen bildet. Die grossen Ströme Rio Paraná (1) und Rio Uruguay (2) fliessen in den Mündungstrichter Rio de la Plata (3) (span. Silberfluss).
Mein Name ist Mary Ramos, geb. 3.2.1962 in meiner geliebten Stadt Corrientes als fünftes Kind von Josè Ramos und Maria Mercedes Ramos. Ich habe noch fünf Geschwister: Maria del Carmen, Josecho, Luciano, Lucy und Katia. Ich bin stolz, dass ich in eine so wunderbare Familie hineingeboren wurde. Meine Vorfahren stammen ursprünglich aus Andalusien (Spanien).
Die ersten 21 Jahre habe ich in Argentinien verlebt. Erst in Europa habe ich gemerkt, was ich für eine wunderbare Familie hatte. Eine Familie wie meine kann man mit Reichtum, wie er in der Schweiz  vorhanden ist, nicht vergleichen. Als kleines Mädchen hatte ich schon viele Träume und Ziele. Aus diesem Grund habe ich sehr viel gelernt und war auch sehr diszipliniert.
Mein Leben hat sich am 26.12.1982 total geändert. Ich war mitten im Studium der Biochemie und zwar auf der Fakultät “Ciencias Exactas de la Universidad Nacional del Nordeste”. Ich erinnere mich, ich war In der Vorbereitung der menschlichen Physiologie. Ich habe nie gedacht, dass sich mein Weg total ändern würde, weg von meinen Träumen und von meinem Leben.
An diesem Tag, hatten meine älteren Brüder Josecho und Luciano einen gravierenden Unfall. Es war in der grossen Avenue Maipú in der Stadt Corrientes. Luciano fuhr mit hohem Tempo mit seiner schweren im “Honda”, und Josecho mit seiner Frau und seiner Tochter kamen mit einem Picap aus einer Seitenstrasse auf die Avenue. Plötzlich prallte sie mit seinem Bruder zusammen. (In diesem Moment wusste er es noch nicht) Erst als er zu dem Verletzten ging sah er, dass es sein Bruder war. Das hat eine radikale Änderung in meiner Familie gegeben. Luciano war total gelähmt. Die einzige Möglichkeit zu einer Rehabilitation war ein weiter Weg nach Buenos Aires, da in Corrientes keine Institution ihm helfen konnte. Meine Schwester, Maria del Carmen, sagte an einem Abend, ich muss die Uni verlassen um die Pflege meines Bruders in Buenos Aires zu übernehmen. Für mich war das eine sehr grosse Entscheidung, denn in meinem Herzen habe ich meine ganze Karriere vor den Augen gehabt. Mir war aber auch total bewusst, dass ich meinen Bruder in dieser Situation nicht alleine lassen konnte. Ich musste also gar nicht lange überlegen, dass ich meiner Schwester Recht geben musste. Im Februar 1983 komme ich zum 1.Mal in meinem Leben nach Buenos Aires. Da kam zusätzlich noch einmal eine grosse Entscheidung auf mich zu: Jeden Tag bin ich ins Spital gegangen und habe meinen Bruder Luciano vollständig versorgt. Es waren sehr schwierige Zeiten. In dieser schwierigen Zeit habe ich meinen Mann kennengelernt. Er ist aus der Schweiz zu Besuch zu seinen Verwandten von Italien, die er noch nicht kannte. Wir haben uns jeden Tag gesehen. So entstand eine grosse starke Liebe. Da kam die zweite grosse Entscheidung, eigentlich die grösste Entscheidung in meinem Leben, welche ich bis heute nicht bereut habe. Es brauchte viel Courage in ein noch fremdes Land zu gehen. Da mir meine grosse Liebe einen Heiratsantrag gemacht um eine Familie in der Schweiz zu gründen. Mein Vater, welcher Analphabet war, hat immer geträumt, dass ich eine anerkannte Naturheilpraktikerin werden sollte. Er war sehr überrascht, als er von meiner Entscheidung erfahren hatte. Ich erinnere mich ganz gut: In einer kleinen Strasse Buenos Aires hat er auf mich gewartet. Seine Augen waren sehr traurig. Er hat mich gefragt, ob ich meine Entscheidung mir gründlich überlegt habe. Er sagte zu mir: “Du weißt, ich habe immer geträumt, dass du einmal eine anerkannte Naturheilpraktikerin werden solltest. Da ich nie eine Schule besuchen konnte, und ich somit nicht lesen und schreiben kann, habe ich mein ganzes Geld gegeben, dass du eine Schule besuchen kannst.” Er hat mir seine Hände mit Schwielen gezeigt. Unter seinen Händen wuchs viel Gemüse, welches er von Anfang bis zum Ende selbst bearbeitet hat, ohne Maschinen.
In diesem Moment habe ich ein grosses Versprechen meinem Vater gegenüber gemacht:

“Papa ich gehe mit diesem Mann, wo ich Liebe und ich verspreche dir in das Land wo ich gehe, werde ich eine anerkannte Naturheilpraktikerin.”

Im August 1983 komme ich in die Schweiz. Es regnete stark. Es kamen schwierige Jahre mit viel Geduld. Es kamen viele Sachen dazu: Fremde Sprache, andere Mentalitäten und mein Mann,
welchen ich neu kennenlernte. Nach einem Jahr haben wir ein grosses Geschenk bekommen, unser lieber Sohn (togliere il nome Django) kam zur Welt. Er hat viel Freude in unsere Zweisamkeit gebracht. Eine Arbeit in der Schweiz zu finden war nicht einfach, da ich kein Deutsch konnte. Die einzige Möglichkeit, die ich gefunden habe, waren Fabriken. In einer habe ich als Näherin gearbeitet und in einer Polsterfabrik in der Schleiferei. Egal ob meine Augen voll waren von Tränen, ich habe immer meine Familie und Freunde sowie auch mein geliebtes Argentinien in den Augen gehabt. Mit jedem Stuhl den ich geschliffen habe hatte ich den Traum, dass ich einmal meine eigene Praxis in diesem schönen Land betreiben kann. Das wäre für viele Leute unmöglich, aber nicht für Maria: Nach vielen kämpferischen Jahren des arbeiten, lernen und mit Weinen, habe ich am 7.5.2003 meinen Wunsch erfüllt. Ich habe mein Diplom als kant. Appr. Naturheilpraktikerin in Chur Kt. Graubünden, erhalten. Mein Herz war voll von Tränen und Glück, weil im Leben gibt es nichts was unmöglich ist. Nur die Unmöglichkeit ist in unseren Gedanken.
Eine grössere Überraschung als die ich meinem Vater damals versprochen habe, hat sich doppelt erfüllt. Weil unser Sohn, Enkelkind vom “analphabetischen
Gemüsearbeiter”, wird im Jahr 2011 den Titel als Doktor med. der Uni Basel entgegennehmen.
Mein Mann und ich sind sehr stolz und glücklich, dass er so weit gekommen ist und dabei demütig und dankbar geblieben ist. Ich habe während meinen 48 Lebensjahren gelernt, dass es nichts Unmögliches gibt, und nichts wertvolleres als ein Zusammenhalt in der Familie.
Man muss jeden Tag darum kämpfen, egal was passiert. Jehova gibt uns Kraft jeden Tag, die Probleme zu bewältigen. Ich danke sehr viel unserem Gott, dass ich in eine gläubige,
arme Familie geboren wurde. Ich danke meinen Eltern, dass sie mir die Möglichkeit zum studieren gegeben haben, ich danke meinen Professor in Argentinien und ich danke meinem Land welches mir die menschliche Wärme mitgegeben hat und immer in meinem Herzen bleiben wird. Ein grosser Traum ist noch in meinem Herzen, wo immer mehr sich mit starkem Klopfen bemerkbar macht, Bücher zu schreiben für Familien zur Unterstützung und für viele Menschen aus meinem Land, Menschen aus der Schweiz und viele Menschen wie ich, wo ihr Land verlassen um der grossen Liebe zu folgen.

El amor lo puede todo (Die Liebe kann alles)